Gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen
Wie achtsame Kommunikation eure Verbindung stärkt
Konflikte gehören in jede Beziehung. Konflikte zeigen uns Differenzen in der Partnerschaft auf und sind ganz natürlich. Der Unterschied, wie wir einen Streit wahrnehmen, liegt darin, wie wir die Kommunikation in unserer Partnerschaft erleben. Konflikte werden häufig als potentielle Gefahrenzone erlebt. Das muss aber nicht so sein. Ein Konflikt ist eine Möglichkeit, sich selbst und den Beziehungsmenschen neu zu entdecken.
In der gewaltfreien Kommunikation geht es darum, trotz Differenzen Verbindung zu schaffen. Verbindung statt Vorwürfe. Verbindung als Lösung. Aber was heisst das konkret? Was ist achtsame gewaltfreie Kommunikation in Beziehung?
In diesem Artikel findest du Informationen und Impulse zur achtsamen Kommunikation, wie sie dein Leben und deine Beziehungen bereichert und dich deine Beziehungsperson wieder näher bringt.
Inhaltsverzeichnis
Was bedeutet gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen?
Kommunikationsprobleme lösen – am Beispiel von Kim und Lu
Die Haltung der gewaltfreien Kommunikation in Beziehungen – Verantwortung für sich selbst übernehmen
Emotionale Grundbedürfnisse erkennen – wie geht das?
Kommunikationsprobleme in der Beziehung – Wir wollen gemeinsam etwas ändern
Wie Paartherapie unterstützen kann, wenn Beziehungskonflikte die Beziehung herausfordern
Gefahrenzone Beziehungskonflikt: Warum eskaliert es im Streit? Erklärung anhand vom Fallbeispiel Lu und Kim
Kim und Lu kuscheln am Abend gemeinsam auf dem Sofa. Kim verspürt Lust auf Sexualität und beginnt Lu zu küssen. Die Lust von Kim wächst, was Lu bemerkt. Lu hat in diesem Moment kein Interesse an Sexualität und nimmt Abstand von Kim, entzieht sich den Berührungen und steht vom Sofa auf.
Kim wird wütend, schon wieder eine Zurückweisung, schon wieder kein Sex.
Lu fühlt sich schuldig, versucht sich zu rechtfertigen.
Es entsteht ein Konflikt, der eskaliert. Lu und Kim lassen ihren Emotionen freien Lauf, es wird laut, Tränen fliessen und Vorwürfe füllen den Raum. Eine lösungsorientierte Kommunikation in der Beziehung ist nicht mehr möglich.
Kim und Lu sind erschöpft, von diesen immer wiederkehrenden Streitereien über die gemeinsame Sexualität. Sie sehen keine Lösung und wissen nicht, wie sie kommunizieren können, um den Konflikt gemeinsam zu bewältigen. Die Auseinandersetzungen enden damit, dass beide resigniert sind und aufgeben, weil es scheinbar keinen Konsens zum Thema Sexualität gibt.
Meine Hypothese
Nicht das Streit-Thema, ist das Problem, sondern unerfüllte Bedürfnisse, die (vielleicht) mit dem Thema verbunden sind. Das heisst, in Beziehungskonflikten geht es eigentlich darum, die Bedürfnisse zu erkennen, die hinter dem Thema verborgen sind.
Eine kurze Erklärung zum Beispiel: Kim erfüllt sich mit der gemeinsamen Sexualität das Bedürfnis nach Bindung. Wenn Lu kein Interesse an gemeinsamer Sexualität zeigt, bleibt Kim mit dem unerfüllten Bedürfnis nach Bindung zurück.
Wichtig: Sexualität in einer Beziehung kann viele verschiedene Bedürfnisse erfüllen und erfüllt häufig auch gleich mehrere gleichzeitig. Weil Sex eine wirkungsvolle Strategie ist, die unterschiedlichsten Bedürfnisse zu erfüllen, ist Sexualität in vielen Beziehungen ein wichtiger Bestandteil.
Und wie kann gewaltfreie Kommunikation Beziehungskonflikte lösen?
Die gewaltfreie, einfühlsame Kommunikation in Beziehungen ist ein Ansatz, der bei den Bedürfnissen hinter den Konflikten ansetzt. Mit der Haltung der gewaltfreien Kommunikation kann sich die Kommunikation in einer Partnerschaft verbessern und Beziehungsprobleme können leichter gelöst werden.
Was bedeutet gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen?
Die gewaltfreie Kommunikation ist eine Haltung, wie Konflikte ohne gegenseitige Vorwürfe und Eskalationen gelöst werden können.
Gegenseitige Vorwürfe, moralische Urteile und Bewertungen, Vergleiche und Schuldzuweisungen verhindern Verständnis und Verbindung. Typische Konfliktverhalten wie Verteidigung, Rückzug oder Angriff ermöglichen keine Problemlösung auf Augenhöhe. Denn so gibt es immer nur Verlierer und Gewinner. Beziehungsprobleme werden oberflächlich mit einem Kompromiss gelöst, das eigentliche Beziehungsproblem wird aber nicht nachhaltig aufgelöst.
Die gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen fördert Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Empathie. Ziel der gewaltfreien Kommunikation ist Verbindung. Verbindung durch Verständnis. Verbindung als Lösung.
Die 4 Komponenten der gewaltfreien Kommunikation – wie du die Kommunikation in deiner Partnerschaft verbessern kannst
Erlebst du eine Situation, in der du dich getriggert fühlst, von Gefühlen überwältigt wirst und in der du normalerweise direkt in einen Modus von Verteidigung, Rückzug oder Angriff schaltest?
Beobachten
Beobachte, was in dieser Situation genau passiert. Was hörst du, was siehst du? Beschreibe den Moment erst mal nur für dich, in Gedanken.
Nicht sofort reagieren zu müssen, gibt dir Zeit, dich auf dich selbst zu konzentrieren.
Kannst du deine Beobachtung ohne Bewertung beschreiben? Neutral, ohne ein Urteil über das Verhalten der anderen Person.
Gefühl
Welches Gefühl nimmst du wahr? Vielleicht Wut.
Vielleicht folgt darauf noch ein weiteres Gefühl - Enttäuschung, Angst, Traurigkeit, Frustration, Hilflosigkeit.
Wo im Körper nimmst du deine Gefühle wahr?
Wie spürst du die Gefühle im Körper – vielleicht ein Druck, ein Ziehen, eine Farbe?
Gefühle sind Wegweiser, sie zeigen uns den Weg zu unseren Bedürfnissen.
Bedürfnis
Welches Bedürfnis verbindest du mit deinem Gefühl, deinen Gefühlen?
Bindung
Autonomie
Identität
Anerkennung
Lust/Freude
Bitte oder Wunsch
Und was ist nun deine Bitte oder dein Wunsch an das Gegenüber? Wie kann dein Beziehungsmensch dazu beitragen, dass dein Bedürfnis erfüllt wird?
Wenn du dir klar bist, welche Situationen in dir welche Gefühle und Bedürfnisse auslösen, sprich deine Beziehungsperson an. Die Kommunikation der Gefühle und Bedürfnisse ist dabei zentral. Indem du deine Bitte, deinen Wusch mit deinem Gegenüber teilst, seid ihr beide wieder handlungsfähig. Deine Beziehungsperson muss nicht interpretieren und annehmen, was du vielleicht von ihr forderst, sondern weiss konkret, was du brauchst. Sie kann entscheiden, ob sie diesem Wunsch nachkommen will oder kann, oder nicht.
Kommunikationsprobleme lösen – am Beispiel von Kim und Lu
Kim könnte folgendes zu Lu sagen: «Ich hatte Lust auf Sex mit dir. Als ich dich geküsst habe, hast du Abstand genommen und bist aufgestanden. Ich habe mich traurig und hilflos gefühlt. Ich wollte dir nah sein und mich mit dir verbunden fühlen. In der Sexualität mit dir fühle ich mich so sehr verbunden mit dir. Würdest du mich in den Arm nehmen, damit ich weiss, dass du mich liebst?»
Lu könnte zu Kim sagen: «Als du mich geküsst hast, habe ich deine sexuelle Erregung gespürt. Das hat mich überrumpelt und mir Angst gemacht. Ich war überfordert, weil ich nicht wusste, wie ich Nein sagen kann, ohne dich zu verletzten. Abstand nehmen ist der effektivste Weg Nein zu sagen, ohne es aussprechen zu müssen. Auch wenn ich jetzt gerade kein Sex möchte, möchte ich dir nah sein und mich mit dir verbunden fühlen. Würdest du mit mir auf dem Sofa kuscheln, auch wenn ich zu Sex nein sage?»
Die Haltung der gewaltfreien Kommunikation in Beziehungen – Verantwortung für sich selbst übernehmen
Welche Worte wir in der Kommunikation bei Beziehungsproblemen verwenden ist wichtig. Die Technik perfekt zu beherrschen, führt aber nicht automatisch zum Ziel. Die Haltung ist der Kern einer achtsamen, einfühlsamen Kommunikation in Beziehungen.
Übernimm Verantwortung für deine Gedanken, Gefühle und Handlungen
In der Haltung der gewaltfreien Kommunikation gibt es keine Schuld. Das Verhalten von Menschen löst in uns Gedanken und Gefühle aus. Es sind unsere eigenen Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse und die Verantwortung für sie liegt allein bei einem selbst. Das heisst, was in dir drin passiert und was du brauchst, dafür trägst du allein die Verantwortung.
Oft bleiben Beziehungsprobleme bestehen, weil Erwartungen an den Beziehungsmenschen gestellt werden, die nicht erfüllt werden. Das Gegenüber soll sich ändern. Häufig fühlen sich Menschen in Beziehungskonflikten ohnmächtig und hilflos. Diese Gefühle beruhen nicht selten darauf, dass man sich abhängig macht, vom Verhalten der Beziehungsperson. Wenn du Verantwortung für dich selbst übernimmst, entlastet dies nicht nur deine Partnerschaft. Es ermöglicht dir wieder handlungsfähig zu werden und dich selbstbestimmt um die Erfüllung deiner Bedürfnisse zu kümmern.
Natürlich, es gibt Bedürfnisse, die nur in Verbindung mit anderen Menschen erfüllt werden können. Menschen sind Bindungswesen. Wir brauchen Bindung, um zu überleben und zu leben. Dafür brauchen wir Beziehungspersonen wie Freunde, Familienmitglieder, Liebespartner:innen oder Kinder.
Was sind Bedürfnisse: Die fünf emotionalen Grundbedürfnisse und wie sie die Kommunikation in Beziehungen erleichtern
Ich nenne sie emotionalen Grundbedürfnisse, mehr oder weniger dasselbe ist gemeint, wenn von psychischen oder sozialen Grundbedürfnissen gesprochen wird. Es geht um existentielle und universelle Bedürfnisse. Alle Menschen haben diese Bedürfnisse.
Der Unterschied liegt in den Strategien, wie wir gelernt haben, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Die Strategie ist der Weg zum Bedürfnis. Menschen sind dabei unheimlich kreativ und anpassungsfähig. Das heisst, wir können uns die gleichen emotionalen Grundbedürfnisse auf unzählige unterschiedliche Art und Weisen erfüllen.
Ein Beispiel: Sex und Intimität mit einem Beziehungsmenschen kann einem zum Beispiel das Bedürfnis Bindung erfüllen (aber auch viele andere Bedürfnisse). Entsprechend ist Sexualität die Strategie, mit der sich ein Bedürfnis erfüllen lässt. Sex selbst ist kein Bedürfnis. Eine Liebesbeziehung kann auch ohne Sexualität sehr glücklich sein, wenn alle Partner:innen damit einverstanden sind.
Die fünf emotionalen Grundbedürfnisse sind:
Bindung – Geborgenheit, Verlässlichkeit, Vertrauen, Zuwendung, Zugehörigkeit
Autonomie – Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung , Selbstvertrauen, Sicherheit, gesunde Grenzen
Identität – Struktur, Orientierung, Respekt
Anerkennung – Selbstwert und Gleichberechtigung
Lustgewinn – Spiel, Spass, emotionale Offenheit, Optimismus, Spontanität
In Beziehungen und in Beziehungskonflikten sind häufig die beiden Bedürfnisse Bindung und Autonomie aktiviert. Das muss nicht immer sein. Als Paar- und Sexualtherapeutin fällt mir diese Kombination öfters mal auf.
Unser Handeln orientiert sich immer an unseren Bedürfnissen. Jedes Verhalten zielt darauf ab, uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Stelle dir vielleicht jetzt gerade die Frage: Warum liest du diesen Text? Was erfüllst du dir damit?
Vielleicht erlebst du die Kommunikation in deiner Beziehung als herausfordernd oder leidest an Beziehungsproblemen? Möglicherweise erfüllst du dir mit dem Lesen von diesem Ratgeberbeitrag das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Autonomie. Indem du dir neues Wissen aneignest, entwickelst du Verständnis für dich selbst, reflektierst dein Verhalten und deine Gedanken und wirst dadurch wieder handlungsfähiger.
Oder du erfüllst dir das Bedürfnis nach Lustgewinn, weil du gerade neugierig und offen bist, Neues zu entdecken.
Oder du erfüllst dir das Bedürfnis nach Bindung, indem du versuchst dich und deine Beziehung besser zu verstehen und neue Strategien suchst, wie du mit deiner Beziehungsperson anders kommunizieren kannst.
Die gleiche Strategie, das selbe Verhalten, kann also ganz unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen. Deshalb können dir diese Fragen beim Entdecken weiterhelfen:
Was fühle ich gerade?
Was wünsche ich mir in diesem Moment?
Was würde mir jetzt Erleichterung oder Energie geben?
Welche Gedanken tauchen gerade auf?
Wenn sich jetzt eine Sache ändern würde und ich mich sofort besser fühlen würde – was wäre das?
Emotionale Grundbedürfnisse erkennen am Beispiel von Lu und Kim
Kim und Lu kuscheln auf dem Sofa. Beide erleben die gleiche Situation, sind aber in unterschiedlichen Bedürfnissen aktiviert:
Bei Kim ist das Bedürfnis nach Bindung aktiv. Kuscheln ist schön, aber Sex ist für Kim die ultimative Strategie, um sich mit Lu verbunden zu fühlen und sich damit das Bedürfnis nach Bindung zu erfüllen.
Das Kuscheln auf dem Sofa erfüllt Lu in diesem Moment das Bedürfnis nach Bindung ausreichend. Auf Sex besteht jetzt gerade keine Lust und auch kein Interesse oder keine Neugier, sich spontan darauf einzulassen. Die sexuelle Erregung von Kim aktiviert bei Lu das Bedürfnis nach Autonomie, nämlich die eigene Grenze zu wahren und für den Wunsch einzustehen, einfach weiter auf dem Sofa zu kuscheln.
Kommunikationsprobleme in der Beziehung – Wir wollen gemeinsam etwas ändern
Wenn Kommunikationsprobleme das Erleben einer erfüllenden Beziehung beeinflussen, kann es hilfreich sein, sich Gedanken über externe Unterstützung zu machen. Typische Anzeichen dafür, dass herausfordernde Kommunikationsmuster aktiv sind, wären zum Beispiel:
Wiederkehrende Konflikte ohne nachhaltige Lösung – die immer wieder gleichen Themen, die sich im Streit wiederholen und sich trotz gemeinsamer Vereinbarungen keine nachhaltige Veränderung einstellt
Eskalation – wenn Beziehungskonflikte eskalieren, gegenseitige Vorwürfe eine nachhaltige Lösung torpedieren, Emotionen nicht mehr kontrolliert werden können und Streit verletzend wird
Rückzug – wenn Beziehungsprobleme nicht mehr angesprochen werden und sich schweigen über die Beziehung legt, wenn sich eine oder beide Beziehungspersonen zurückziehen und aufgeben, ihre Wünsche an die Beziehung zu kommunizieren
Gefühle von Distanz oder Entfremdung
Schwierigkeiten, über die gemeinsame Sexualität zu sprechen
Eine Beziehungsberatung ist in diesen Situationen eine Entwicklungschance. Eine Paarberatung eröffnet andere Möglichkeiten, die Kommunikation in einer Beziehung neu zu gestalten. Unterstützung in Anspruch zu nehmen, kann als letzter Ausweg empfunden werden, als Zeichen, dass man es allein nicht geschafft hat. Dafür habe ich unheimlich viel Verständnis. Ich sehe Paartherapie als grosses Engagement in eine Beziehung, in die Beziehung zu sich selbst und zur Beziehungsperson.
Wie Paartherapie unterstützen kann, wenn Beziehungskonflikte die Beziehung herausfordern
Paartherapie kann euch dabei unterstützen, eure Beziehungsprobleme in einem sicheren Raum anzusprechen. Manchmal ist das Sprechen über gewisse Themen sehr herausfordernd, weil vielleicht bereits schon einige Verletzungen, Ängste oder Unsicherheiten damit verbunden sind. Manchmal ist das Thema Sexualität auch mit dabei. So kann Sexualberatung ein Teil der Beziehungsberatung sein.
Paartherapie kann natürlich noch mehr:
sie kann die Moderation von schwierigen Gesprächen übernehmen
Übersetzungshilfe leisten, indem sie die Bedürfnisse hinter Vorwürfen sichtbar macht
sie kann euch beim Erlernen von achtsamer Kommunikation in der Beziehung begleiten
sie kann euch dabei unterstützen Strategien zu entwickeln, wie ihr eure Bedürfnisse in der Beziehung erfüllen könnt
Sucht ihr professionelle Begleitung im Umgang mit Kommunikationsproblemen in eurer Beziehung? Gerne bin ich eure Ansprechpartnerin bei euren Anliegen rund um Kommunikation in der Beziehung und Beziehungskonflikte. Vereinbart einen ersten Termin für ein Kennenlernen. Noch mehr Informationen zur Paartherapie findet ihr mit einem Klick auf Paarberatung.